Der Kunsthistoriker und Medientheoretiker Hans Belting ist am 10. Januar 2023 im Alter von 87 Jahren gestorben. Seine epochen- und medienübergreifende Forschung setzte Maßstäbe im Feld der Bildgeschichte.

 

In seinem Buch "Das Ende der Kunstgeschichte. Eine Revision nach zehn Jahren", der 1995 erschienenen Wiederauflage seiner Münchener Antrittsrede, beurteilt er die erste documenta (1955) im Lichte eines "späten Kultes der Moderne". In ihrer Konzeption sieht er eine geschichtskritische Komponente, ein retrospektiv gesäubertes Wunsch- und Erinnerungsbild und den Impuls zur Flucht aus der Gegenwart:

 

"Man vergißt zu leicht, daß die erste Ausstellung der 'documenta' 1955 in Kassel nicht das zeitgenössische Kunstschaffen vorstellte, wie sie es heute tut, sondern im Rückblick die moderne Kunst, welche die Zeiten der Verfolgung und der Vernichtung überlebt hatte, als neue Klassik feierte."

 

"'Das moderne Bild' war wohl modern im Sinne einer Epochenbezeichnung, aber nicht im Sinne von zeitgenössisch."

 

Auch in seinem Interview mit Amine Haase im Kunstforum zur documenta 12 ("Auf Chinesischen Stühlen?" Bd. 187, 2007, S.97-101) zeigt er sich kritisch gegenüber den Schlagworten der "Migration der Formen" und der Globalisierung im Rahmen des kuratorischen Konzepts von Roger M. Buergel und Ruth Noack.

 

Als früherer Kollege an der hfg Karlsruhe erinnert sich der Künstler Mischa Kuball an eine gemeinsame Studienexkursion zur documenta 12:

 

„(…) Wir - Hans Belting, Andrea Buddensieg, Beat Wyss und ich - haben 2007 ca. 50 Studierende der hfg Karlsruhe über die documenta 12 geführt. Die Besonderheit bestand darin, dass wir ad hoc an Kunstwerken stehen blieben und in eine Situation der Diskussion verfielen. Obwohl Roger Buergel und Ruth Noack eigentlich keine selbstorganisierten Führungen ‚duldeten‘ haben wir fast guerillahaft diese Auflage spielerisch gebrochen. Hans Belting war der Rädelsführer - wo er stehen blieb und sein Blick etwas fixierte, entstand ein Moment der Agora. Es bildete sich mitunter eine Menschentraube von 150 Personen, die dem Austausch erst aufmerksam lauschten, sich dann aber diskursiv einmischten. Diese Art der ‚Debattendemokratisierung‘ mit einem Zufallspublikum hat Hans Belting zugesprochen, ja geradezu elektrisiert. Wir waren eine unberechenbare Diskursmonade auf der d12! - Sein kritischer Impuls und seine Freundschaft werden fehlen.“