Schon im Oktober 1990, also weit vor der Eröffnung der documenta IX im Juni 1992, lag ein erster Katalog vor. Die Schweizer Künstlerin Annemarie Burckhardt (1930–2012) hatte ihn entworfen und bot ihn für 45,90 Mark zum Verkauf an, allerdings in einer sehr geringen Auflage von 20 Exemplaren. Wie zu vermuten, handelte es sich nicht um einen gewöhnlichen Katalog: Burckhardt hatte ein Schaumstoffkissen mit einem Leinenstoff ummantelt und mit der Aufschrift »Katalog documenta IX« bestickt. Ihr war aufgefallen, dass konventionelle Kunstkataloge immer dicker und schwerer würden, man sie nicht mehr tragen könne und sie nach ihrer Anschaffung gewöhnlich unter dem Rückfenster im Auto landen würden, um gut sichtbar zu sein. Ein Kissen in Form eines Kataloges, das bei ermüdender Rückfahrt unter die Schläfe oder ins Kreuz gesteckt werden könne, wäre zweckgerichteter. Denn es sei dick und weich, trage aber dennoch gut lesbar den Titel. 

 

Annemarie Burckhardt war 1973 mit ihrem Mann, dem Soziologen Lucius Burckhardt (1925–2003), nach Kassel gekommen, der an der dortigen Gesamthochschule lehrte. Gemeinsam hatten sie in den 1980er Jahren die Promenadologie - auch Spaziergangswissenschaft – entwickelt, eine kulturwissenschaftliche und ästhetische Methode, die darauf zielte, die Bedingungen der Umweltwahrnehmung bewusst zu machen und sie zu erweitern.

 

Mit dem »falschen Katalog für die documenta IX« hatte die Künstlerin, die sich bereits mehrfach mit Buchkunst hervorgetan hatte, ein Projekt in Gang gesetzt, von dem sie erhoffte, dass es mit Humor genommen würde. Denn Humor hatte sie bereits im Vorfeld bei Jan Hoet festgestellt. Doch es kam anders. Die documenta GmbH reagierte pikiert, sprach von missbräuchlicher Verwendung des documenta-Namens und -Logos und wollte am Erlös aus dem Verkauf beteiligt werden. Die Presse stürzte sich auf den Fall und der Skandal war perfekt.

 

Der Galerist und Verleger Martin Schmitz (geb. 1956) publizierte 1991 den ganzen Fall, indem er ein Büchlein von 64 Seiten herausgab, das minutiös alle Meldungen zu dieser Kunstaktion enthält. Seine Homepage erläutert zudem das Projekt: http://www.martin-schmitz-verlag.de/Annemarie_Burckhardt/Bio.html.

 

Das documenta archiv verwahrt in der Mappe 140 zur documenta 9 nicht nur das »Bastelset« mit Schaumstoffkissen, Leinenstoff und Stickgarn samt Anleitung, sondern auch eine Postkarte, die das Multiple von Annemarie Burckhardt abbildet, zwei Presseartikel sowie das Buch aus dem Verlag Martin Schmitz.

 

Birgit Jooss