“Nichts ist mehr Pflicht. Nicht einmal das Hinsehen, die präzise Wahrnehmung, wie sie die Positivisten forderten, ist mehr gefordert. Das 20. Jahrhundert, so scheint es, ist das Zeitalter der Entpflichtung. Jeder kann so dumm bleiben, wie er gerade ist. Jeder kann seine Vorurteile pflegen und sich gegen Kritik immunisieren, so gut er kann. Und erhält er eine Machtposition, kann er sein zufälliges Sosein zum Maßstab für andere setzen. Statt das genaue Hinsehen zu lernen, übt man sich in der Manipulation der Fakten.” (Zitat Klaus Baum: „Das nicht festgestellte Tier“, Anmerkungen zur DOCUMENTA IX)

 

In einem Aufsatz für den Materialienband zur documenta 9 schreibt Klaus Baum (geb. 1942) diesen Absatz, der Baums kritisches Wesen und ironische Finesse veranschaulicht. Durch diese und ähnliche Auseinandersetzungen mit zeitgenössischer Kunst schien Baum berufen zum Posten der Leitung der Kunstvermittlung. Dies sieht man nicht zuletzt auch an unserer Archivale des Monats, einer Rezension die Besucher*innen der documenta 9, die zeigt, wie zufrieden sie mit dem Vermittlungsangebot waren.

 

Eingestellt wurde Klaus Baum zuvor vom damaligen Geschäftsführer der documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungs-GmbH, Alexander Farenholtz (geb. 1954), ohne Absprache mit der künstlerischen Leitung. Baum war zuständig für die gesamte organisatorische Vorbereitungsarbeit, die Weiterbildung der Kunstvermittler*innen, die administrative Leitung und die Kommunikation der Kunstvermittlung. Vor der Eröffnung der documenta 9 begegnete ihm der künstlerische Leiter Jan Hoet (1936-2014) im Fridericianum, und rief quer durch die Cafeteria: "Bloß kein Konzept. Wenn es ein Konzept gibt, dann das des Nicht-Konzepts. Lesen Sie Nietzsche!.“ Niemand hatte die beiden zu diesem Zeitpunkt einander vorgestellt.

 

Nachdem Baum im Kulturhaus Dock 4 ein größeres Büro hatte, musste er im März 1992 ins Fridericianum umziehen. Ihm wurde zunächst ein kleiner Raum von zirka 4 qm im Treppenhaus zugewiesen. Er rief damals das Tierheim an und erfuhr, dass ein Hundekäfig 6 qm haben müsse.

 

Baum hielt sich vor Eröffnung der Ausstellung des Öfteren im Büro der documenta-Leitung auf. Dorthin, in einen großen Souterrain-Raum, kamen die Künstler*innen, um Jan Hoet aufzusuchen. Was Baum stets als konstruktiv empfand, war, dass Jan Hoet anschaulich über Kunst nur anhand konkreter Bilder sprach.

 

Weiterhin positiv auf der documenta 9 war für Baum die Praxis der Kunstvermittlung, der Kontakt mit dem Publikum. Während der Ausstellung bewährte er sich immer wieder als feinfühliger Vermittler der Kunst bei Führungen interessierter und auch oftmals sehr fordernder Besuchergruppen.

 

Das Archiv bedankt sich erneut bei Dr. Klaus Baum für sein Engagement und seine Bereitschaft, die Zeugnisse seiner Erfahrung dem Aktenarchiv und der Mediensammlung im documenta archiv zu überlassen.

 

Michael Gärtner und Maximilian Preuss