Franz Erhard Walther (geb. 1939) war viermal hintereinander Teilnehmer der documenta. Erstmals lud ihn Harald Szeemann (1933-2005) zur fünften documenta (1972) ein, gefolgt von zweimaligen Präsentationen während der 6. und 8. Ausgabe der Weltkunstausstellung (1977 und 1987), die Manfred Schneckenburger (geb. 1938) kuratierte, und der Einladung durch Rudi Fuchs (geb. 1942) zur documenta 7 (1982). Hier zeigte er seine Arbeit „Liegeform und Hängeform, quer/Lying Form and Hanging Form, diagonal“ von 1980, zu deren Präsentation es Vorüberlegungen gab, die einen besonders intensiven Niederschlag in den Akten des documenta archivs gefunden haben: Es hat sich nicht nur Korrespondenz zwischen dem Kurator und dem Künstler erhalten, sondern auch zahlreiche Skizzen und konkrete Anleitungen zur Hängung der Arbeit.

 

Franz Erhard Walther hatte bereits in den frühen 1960er Jahren begonnen, Objekte aus Baumwollstoffen, Schaumstoff, Holz und anderen Materialien zu kreieren, die die Rezipient/innen „benutzen“ sollten, indem sie die Stoffe auffalten und/oder sich überstülpen, sich hineinlegen oder mit ihnen geometrische Formen bilden sollten. Es folgten Arbeiten, die er als „Schreit- und Standstücke“ konzipierte, um die Rezipient/innen in Prozesse einzubinden. Walther wandte sich damit gegen ein überkommenes Kunstverständnis, das „fertige“ Werke dauerhaft in Museen vorsieht, und formulierte stattdessen die Vorstellung einer immateriellen Kunst, der man partizipativ begegnet und die er mit „Handlung als Werkform“ bezeichnete.

 

Doch wie sollten derartige Arbeiten im Moment der Nicht-Benutzung präsentiert werden? Welche Form sollten sie in einer Ausstellung annehmen? Konnten sie an die Wände gehängt und somit „musealisiert“ werden? Auch hier hatte Franz Erhard Walther präzise Vorstellungen. Das hier vorgestellte Blatt stellt einen Hybrid aus Brief, Anleitung und künstlerischer Skizze dar. Der kurzen Frage: „Lieber Rudi, hatten wir darüber gesprochen, wie die Arbeiten gehängt werden sollen?“ folgte dem „Wenn nicht:“ eine gezeichnete Handlungsanweisung. Der Künstler skizzierte mit einfachen, präzisen Strichen, wie die Arbeit – sogar versehen mit Maßangaben – an der Wand angebracht werden sollte. Die Aufhängung stellte er sich „mit dünnen Stahlstiften in den jeweils oben angenähten gesteppten Streifen“ vor, wie seine durch Rotstift hervorgehobene Anweisung klarstellt.

 

Dass das Blatt von den Empfängern aber nicht als künstlerisches Produkt, sondern als reines Schriftstück eingeordnet wurde, offenbaren die Papierlochung und der bürokratische Eingangsstempel vom 8. Juni 1982. Und so befindet es sich weiterhin in den Akten und wurde nicht als „Kunstwerk“ separiert, wenn auch die Skizzen aus der Hand Walthers stammen, einem vielfach ausgezeichneten, renommierten Künstler, der 2017 den Goldenen Löwen auf der Biennale von Venedig gewann.

 

Birgit Jooss