"Akustische Kunstformen nicht als Kopfgeburten sondern auf- und ausbrechende Seelenpein, ungezügelt, mutwillig forcierte Kakophonie, eine wild wabernde, klatschende, kreischende Folge von Tönen und Worten, hier und da kombiniert mit trivialen Themen der Schlagerbranche." So beschrieb Thomas Wessel (n.b.) das auf VHS-Kassette aufgenommene Konzert, das im Anschluss an die Eröffnung der documenta 7 stattfand, in der HNA vom 21. Juni 1982.

 

Carmen Knoebel (geb. 1944) hatte für den musikalischen Auftakt dieser documenta gesorgt. Acht Bands brachte die ehemalige Betreiberin der berühmten Düsseldorfer Künstlerkneipe "Ratinger Hof", in der auch Beuys (1921–1986) und Immendorff (1945–2007) aus und ein gingen, im Theatersaal – das heutige TIF – des gerade neu ausgebauten Fridericianums auf die Bühne.

 

Während die "Neuen Wilden" oben ausstellten, beschallten die neuen Wilden der Musik unten das Publikum. "Du musst freilich sehr leicht sein" hieß die Veranstaltung, bei der ein Konglomerat aus Punk- und New-Wave-Musiker/innen an diesem 20. Juni 1982 spielte. Dass es freilich nicht sehr leicht war für die ursprünglich nicht geplante Veranstaltung, genug finanzielle Mittel bereitzustellen, zeigen Briefe und Bitten um finanzielle Unterstützung, die der künstlerische Leiter der documenta 7, Rudi Fuchs (geb. 1942) an verschiedene Kasseler Firmen richtete.

 

In dem Video sieht man den Auftritt der Band "Einstürzende Neubauten". Sie prägten die New-Wave und Punk Bewegung der beginnenden 1980er Jahre in Deutschland maßgeblich mit. Ihr Frontsänger Blixa Bargeld (geb. 1959) war nur wenige Zeit später als Gitarristen in Nick Caves (geb. 1957) Band "Nick Cave & the Bad Seeds" zu erleben. So wie man sich in der "Neuen Wilden" von den kopflastigen, verintellektualisierten Kunstbegriffen der vorangegangenen Jahre befreien wollte, so befreiten sich die "Einstürzenden Neubauten" und die Musikbewegung des Punk und New-Wave von herkömmlichen Klangformen. So verwendeten die „Einstürzenden Neubauten“ beispielsweise kein Schlagzeug, sondern Metallschrott und verschiedene Rohre, auf denen Klänge erzeugt werden.

 

Der gewählte Videoausschnitt zeigt, wie die Wand des Theatersaals im Fridericianum von der Band mit einem Presslufthammer bearbeitet wird, während Bargeld das Lied „Negativ Nein“ singt und mit dem Publikum spricht. Das Fridericianum war zu diesem Zeitpunkt gerade fertig renoviert worden. Das Video ist im VHS-Bestand des documenta archivs zu finden und zeigt einen wichtigen Teil der Kunstausstellung, die sich 1982 auf die „Neuen Wilden“ und auf andere, kontrovers diskutierte Künstler/innen konzentrierte. Besuchen Sie uns gerne in unserem Lesesaal und lassen sich von einem Mitarbeiter der Mediensammlung den Ausschnitt zeigen.

 

Maximilian Preuss