Ursprünglich hatte Harald Szeemann (1933-2005) für die fünfte documenta (1972) eine eigene Abteilung unter dem Titel „Partizipation und Spiel“ vorgesehen, für die auf dem Friedrichsplatz eigens Traglufthallen aufgebaut werden sollten. Doch aus Kostengründen kam es nicht zu deren Verwirklichung. Dennoch wollte Szeemann auf diese, damals neuartige Kunstrichtung nicht verzichten, so dass er wichtige Positionen in anderen Abteilungen unterbrachte. Auch Günter Sarée (1940-1973) war Szeemann aufgefallen und er lud ihn zur Mitwirkung ein. Der Künstler erhielt direkt im Eingangsbereich des Fridericianums einen eigenen Raum. Unter dem Konzept „Projekt zur Verkürzung der bewussten Lebenszeit“ suchte er Freiwillige, die sich mithilfe eines Anästhesisten für 15 Minuten narkotisieren ließen. Damit wollte er ihr waches Bewusstsein unterbrechen, so dass sie Tiefschlaf und kurzzeitig das Selbsterfahrungsgefühl des „big sleep“ erleben konnten, eine temporäre Simulation des Übergangs vom Leben zum Tod. Um sich abzusichern, sollten die Mitwirkenden ein Zertifikat ausfüllen, das ihr Einverständnis zusicherte und sie über die Todesgefahr und die Mortalitätsrate (1:6.000) einer solchen Narkose aufklärte. Es enthielt auch Fragen nach individuellen Wünschen hinsichtlich einer gegebenenfalls nötigen Bestattung im Todesfalle. Sarée hätte sich als Arrangeur der Beerdigung zur Verfügung gestellt.

 

Der Entwurf dieses Zertifikats hat sich im documenta archiv erhalten. Es ist eine in Schwarz-Weiß gehaltene Collage aus verschiedenen, gemusterten Papieren mit einer in Versalien verfassten Handlungsanweisung sowie einer Druckanleitung auf der Rückseite. Der Text sollte mit den Minuten der Narkose-Zeit, dem Datum und der Signatur des Narkosearztes ergänzt werden. Das Sterberisiko wurde allerdings fälschlicherweise mit 1:60.000 angegeben. Darüberhinaus haben sich ein weniger aufwändig gestaltetes Zertifikat (vielleicht die tatsächliche Ausführung), der Auftrag an eine Münchner Bestattungsanstalt sowie ein detaillierter Patientenbogen in der Akte erhalten.

 

Allerdings wurde die Aktion bereits nach fünf Tagen durch die hessische Ärztekammer verboten – unter Androhung der Exprobation für den Münchner Anästhesisten –, was ein gewisses Presseecho hervorrief. Der Raum wurde geschlossen und das Konzept aufgegeben.

 

Nur ein Jahr später starb Sarée an den Folgen einer Krebserkrankung. Der aus Eger stammende Autodidakt lebte seit 1965 in München, wo er zum Broterwerb verschiedenen Beschäftigungen nachging. Ab 1969 widmete er sich konsequent der Konzeptkunst und arbeitete unter anderem mit Künstlern wie HA Schult (geb. 1939) oder Wolf Vostell (1932-1998) zusammen.

 

Birgit Jooss