Eine Fotografie von Dieter Schwerdtle aus dem Jahr 1982 zeigt den künstlerischen Leiter der documenta 7, Rudi Fuchs (geb. 1942), mit einem seiner Künstler, Ulrich Rückriem (geb. 1938), in eng umschlungener Pose.

 

Als ritualisierte Begrüßungsgeste war der sogenannte sozialistische Bruderkuss ein Mittel, Solidarität zu bekunden und sich als Teil einer politischen Gruppe zugehörig zu erkennen zu geben. Diese intime Handlung entzieht sich durch ihren Namen einer homoerotischen Interpretation der Szene. Zwei Staatsmänner, Brüder im Geiste, zeigen sich in fotogener, zur Schau gestellter Verbundenheit. Bekannt geworden ist diese Spielart des Kusses durch den Fotografen Régis Bossu (geb. 1944), der Erich Honecker (1912-1994) und Leonid Breschnew (1906-1982) im Oktober 1979 auf seinen Fotofilm bannte. Beide Fotografierten erboten sich die Ehre über den brüderlichen Kuss nach einer Rede anlässlich des 30. Jahrestages der DDR. Das prominente Bruderkussgemälde an der East Side Gallery in Berlin-Friedrichshain entstand auf Grundlage dieser Fotografie.

 

Ob diplomatisches Begrüßungsritual oder gemeinschaftsstiftendes Symbol, der berührende Moment zwischen Männerlippen wird zur Ikone. Aufrichtige Bekundung oder massenwirksame PR-Maßnahme? Es schien schwer, sich der etablierten Geste zu entziehen. Dem rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu (1918-1989) wird nachgesagt, dass er fortwährend Stofftüchlein mit Desinfektionsmittel bei sich trug, um sich nach Kontakt mit fremden Körpern die Hände feucht und intensiv zu reinigen. Ihm grauste vor den politischen Überzeugungsküssen. Auch der polnische Ex-Diktator Wojciech Jaruzelski (1923-2014) bekundete, längere Zeit nach dem Ende des Ostblocks: Auch ihm schauderte es noch in der Retrospektive vor Honeckers stark benetzten Lippen: "Er hatte diese ekelhafte Art zu küssen."

 

Inwiefern die beiden Herren Fuchs und Rückriem auf die Tradition des Bruderkusses Bezug nehmen wollten und wie genussvoll der Schmatzer für beide gewesen sein mag, obliegt letztendlich der Imagination der Betrachtenden. Die Gerüchte und die Rätsel, welche uns dieser Schnappschuss aufgeben mag, bleiben ungelöst, so wie die Rätsel vieler anderer Schätze, die sich in der Mediensammlung des documenta archivs befinden und auf ihre Entdeckung und verschiedenste Lesarten warten.

 

Michael Gärtner