Die erste documenta wird heutzutage oft für eine Ausstellung gehalten, welche die während des Nationalsozialismus‘ als entartet bezeichnete Kunst rehabilitieren sollte. Doch weder der documenta-Gründer Arnold Bode (1900 – 1977), noch sein Mitbegründer Werner Haftmann (1912 – 1999) sprachen offiziell davon, dass die Kunst rehabilitiert und damit in Deutschlands Kulturwelt wieder „etwas gut gemacht“ werden sollte. Zusammen mit Werner Haftmann, Alfred Hentzen (1903 – 1985, Direktor des Kestner-Museums, Hannover), Kurt Martin (1899 – 1975, Direktor der Staatlichen Kunsthalle, Karlsruhe) und Hans Mettel (1903 – 1966, Direktor der Städelschule, Frankfurt) erstellte Bode eine Informationsbroschüre, welche neben ersten Informationen zur Ausstellung auch die Beweggründe für die documenta offenbart. Diese dreifach gefaltete und farbig einfach gehaltene Broschüre ist die erste von drei Informationsbroschüren der documenta 1955, die an Museen, Schulen und Bildergalerien sowohl in Deutschland als auch international verschickt wurde.

 

Für Bode, der selbst als Professor an der Kunstakademie Kassel lehrte, war es von außerordentlicher Bedeutung, dass besonders den jungen Generationen aufgezeigt wird, an welchem Punkt sich die internationale Kunstwelt nach 1945 befand. Aufgrund der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und den damit verbundenen „Säuberungen“ der Museen blieb der Jugend die aktuelle Kunst verwehrt. Während sich die Kunst in Ländern außerhalb der nationalsozialistischen Herrschaft weiterentwickelte, schien es in Deutschlands Kulturleben zum Stillstand gekommen zu sein. An diesen Zustand wollte Bode mit der documenta anknüpfen: Im Versuch „die Entwicklungslinien der bildenden Kunst“ jener Zeit zu dokumentieren und die bis dato erreichte Position der Kunst aufzuzeigen, wurde die documenta damit eine „Dokumentation eines Geleisteten“.

 

Nicht nur über die bevorstehende Ausstellung selbst sollten die Empfänger/innen informiert werden, sondern auch über das Gebäude, in dem die documenta inszeniert wird: das Museum Fridericianum. Selbst zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges gab es noch immer keinen Verwendungszweck für das im Krieg völlig ausgebrannte Gebäude, sodass dieses erst durch Bodes Initiative von der Hessischen Landesregierung provisorisch wiederhergestellt worden war. Bode war seit Beginn fasziniert von der Ruine des Fridericianums und ihm gelang es, innerhalb kürzester Zeit eine Ausstellung zu schaffen, die heute aus der Kunstszene nicht mehr wegzudenken ist.

 

Alle drei Broschüren können im Lesesaal des documenta archivs eingesehen werden.

 

Lena Voss