Auf den ersten Blick wirkt das bereits leicht braun verfärbte, mit Gebrauchsspuren und handschriftlichen Überarbeitungen versehene 4-seitige Dokument des Ausschusses für Malerei von September 1967 unauffällig. Blickt man jedoch genauer hin, eröffnet sich eine Geschichte um den Auswahlprozess der Künstler/innen und Kunstwerke für die vierte documenta im Jahre 1968.

 

In Vorbereitung der Ausstellung gab es neben dem documenta-Rat vier Arbeitsausschüsse für die Bereiche Ambiente, Malerei, Plastik und Grafik/Objekt. Diese Arbeitsausschüsse berieten sich darüber, welche Künstler in den entsprechenden Abteilungen auf der documenta präsentiert werden sollten, und schlugen diese dem documenta Rat vor. Zunächst kommissarischer Vorsitzender und später vollwertiger Vorsitzender des Ausschusses für Malerei war Arnold Rüdlinger (1919-1967), Leiter der Kunsthalle in Basel, erkennbar dadurch, dass sein Name neben der Überschrift des Dokumentes zu finden ist. In Form einer Liste, deren Erstversion von Juni 1967 durch ein weiteres Mitglied des Ausschusses, Jean Leering (1934-2005), vorbereitet wurde, werden Namen aufgezählt; alphabetisch und nach Ländern geordnet, wie bspw. den USA, England oder Deutschland. Es handelt sich dabei um die bereits vom documenta-Rat genehmigten und die noch erneut zu diskutierenden Künstler, die in der Abteilung der Malerei auf der documenta 4 zu sehen sein sollen.

 

Das von einer Schreibmaschine gefertigte Dokument liegt hier als Abdruck einer Matrize vor, die handschriftlich mit Tinte und Filzstift ergänzt wurde. Unverkennbar sind dabei die grünen Lettern der Notizen von Arnold Bode (1900-1977). Die Kürzel für die dritte und vierte documenta sowie die Zahlenkombinationen sind leicht zu erkennen. Die Bedeutung der Zahlen bleibt jedoch erst einmal rätselhaft. Vermutlich handelt es sich um eine Gegenüberstellung der bislang teilnehmenden Künstler/innen der Abteilung Malerei – documenta 3: 141 und documenta 4: 54 – und die ausgesuchten Werke – documenta 3: 695 und documenta 4: 350. Ob Bode dieser Rückgang an teilnehmenden Künstler/innen befürwortete oder ob er mit der Gegenüberstellung genau das Gegenteil ausdrücken wollte, ist anhand dieses Dokuments nicht zu erkennen.

 

Die mit blauer Tinte eingerahmten Namen, Notizen und Fragezeichen stammen allerdings nicht mehr aus der Feder von Bode. Dabei kann es sich nur um einen weiteren Teilnehmer des Treffens am 09.09.1967 handeln, der anlässlich des Zusammenkommens sich eigene Bemerkungen hinzugefügt hat. Im Protokoll zur Sitzung wird zudem festgelegt, dass diese Liste nochmals Mitte Oktober im Ausschuss diskutiert werden sollte, um das Ergebnis nachfolgend dem documenta-Rat vorzulegen. Die Künstler/innen-Liste des Arbeitsausschusses existiert im documenta archiv – neben dem vorgestellten Exemplar – noch in weiteren Kopien mit anderen handschriftlichen Notizen. In ihrer Vielfältigkeit zeigen die Dokumente deutlich, wieviel Vordiskussion bei der Auswahl von geeigneten Exponaten nötig war.  

 

Alexandra Winterhoff