„Hoppala, was ist denn da?!“, müssen sich die Besucher/innen auf der documenta 11 im Jahr 2002 gedacht haben, bevor sie kurzerhand unter der schräg konstruierten Holzbox verschwanden. Einen solchen Moment der gewollten Partizipation fängt unser docArt des Monats ein. Auf dem farbigen Papierabzug ist eines von vier Architekturen im Detail aus „Gribbohm II b“ von John Bock (*1965) in der Karlsaue zu sehen. Das obere Drittel wird von der Holzbox bestimmt. Im mittleren Drittel der Fotografie lässt sich eine offene Rundung erkennen in der circa neun Personen stehen. Außerdem ist der offene Raum des Aueparks in der unteren Hälfte des Ausschnitts zu sehen. Was sich in der Box befindet, bleibt uns als Betrachter/in vorerst verborgen, da Ute Mai aus der Froschperspektive fotografierte. Vielleicht wollte sie Neugier wecken und damit auffordern, in diese scheinbar spannende Box einzutreten.

 

Die Konstruktion, eine an einer Seite von Stahlrohren aufgestützte, hohle Holzkiste, nannte Bock in einer Skizze zur Ausstellung „V. beam box“. Sie war eines von vier Bauten, zueinander im Quadrat angeordnet, die zusammen als Environment im Park die Menschen anzogen. Die Recherche aus Archivmaterial zur d11 und Publikationen zu Bock aus der Bibliothek des documenta archivs ergibt, dass die hier abgebildete Box die letzte Station im Rondell „Gribbohm II b“ war, in der die aufgezeichneten Videos seiner Inszenierungen gezeigt wurden.

 

Ein selbstgeschriebenes Theaterstück lag dem Ganzen zugrunde, das er mit anderen Aktionen, die damit in Verbindung standen, kombinierte. Schauplatz oder Station 1 war also die Bühne, die er Koppel nannte, auf der Bock mit Kolleg/innen mehrmals während der Dauer von 100 Tagen das Bühnenbild wechselte. Dazu bediente er sich unter anderem aus seinem permanent frei zugänglichen Requisitenlager, das bei ihm in der Skizze mit „Lager + Videos“ betitelt war.

 

Dieses Lager veränderte sich mit jeder Aufführung zu einem neuen Mikrokosmos oder Environment und wurde damit zum 2. Schauplatz. Wie der Titel bereits vermuten lässt, liefen dort, wie in einem Wohnzimmer Videos auf einem Bildschirm. Bock selbst saß tagsüber versteckt in einem oberen Raum dieses Requisitenlagers. Besucher/innen, die sich trauten die Treppe dorthin zu erklimmen, erhielten von ihm beispielsweise eine Zeichnung, die er für sie in diesem Moment anfertigte.

 

Die 3. Station auf seiner Spielwiese war ein oval konstruierter Raum, den er „Video Schnittraum“ nannte. Unsere „V. beam box“ war folglich Schauplatz 4. Um hier Videos zeigen zu können, nahm er seine Aufführungen und Performances, die er „Vorträge“ nannte, auf, bearbeitete diese vor Ort und spielte sie ebenfalls an Ort und Stelle als Erinnerung wieder ab. Dass Bock studierter Ökonom ist, lässt sich daran vielleicht ablesen. Allerdings waren seine Aktionen an keiner Stelle angekündigt. Sie tauchten an einem Tag auf und waren an den darauf folgenden Tagen nur in der Box nachzuerleben, dann jedoch in einem anderen Medium. Kurz gesagt, Bock erarbeitete für die d11 eine fortführende Arbeit an der Schnittstelle von Theater und Performance, von medialer Aufzeichnung und direktem Kontakt und von prozesshafter Handlung und benutzbarem Objekt.

 

Laut Dieter Bechtloff vom „Kunstforum International“ bezog sich die künstlerische Aussage von Bock darauf, dass jedes theoretische System immer in die Gefahr gerät, sich so weit zu stabilisieren, dass dessen Inhalte nur noch in Bezug auf das sie tragende System von Bedeutung sind. Das wäre für jede Theorie der Schadensfall „par excellence“. Erst der Einbruch der Wirklichkeit mag den Begriffen wieder jenen Gehalt zurückbringen, den sie im Lauf der Zeit verloren haben. Was in den Installationen nicht zum Sprechen kam, wurde innerhalb dieser Aufführungen zum Sprechen gebracht.

 

Arlett Seidel