Wen berühren wir, wenn wir ein Kätzchen berühren? Wie berührt diese Berührung das Geflecht an Multispezies-Beziehungen, die wir tagtäglich pflegen?

Donna J. Haraway (geb. 1944) betrachtet die Wechselwirkungen von Menschen mit vielen Arten von Lebewesen, vor allem mit denen, die als domestiziert gelten. Von Designer-Haustieren über Labortiere bis hin zu ausgebildeten Therapietieren erforscht sie mit Finesse philosophische, kulturelle und biologische Aspekte von Tier-Mensch-Begegnungen. In ihrer tief persönlichen, aber intellektuell bahnbrechenden Arbeit “When Species Meet“ entwickelt Haraway die Idee der Gefährtenspezies, die sich treffen und zusammen dinieren, aber nicht ganz ohne Verdauungsstörungen. “When Species Meet“ ist eine atemberaubende Meditation über die Verbindungsstelle von Mensch und Tier, Philosophie und Wissenschaft sowie Makro- und Mikrokulturen.

Im “Worldly House“ der documenta 13 fanden dieses und viele weitere geschriebenen Werke von Haraway „Unterschlupf“. Ursprünglich war die von Wasser umgebene schwarze Holzhütte als Rückzugsort für den im Kasseler Auepark einst situierten schwarzen Schwan. Nach dem Auszug der Schwäne blieb die Hütte, Spuren zufolge, nicht unbenutzt. Das geheime Wahrzeichen Kassels, der Waschbär, nistete sich ein. Für die von Carolyn Christov-Bakargiev (geb. 1957) kuratierte Ausgabe der Weltkunstausstellung im Jahr 2012 mussten nun auch diese Bewohner/innen weichen. Etabliert wurde das “Worldly House“, ein Archiv inspiriert von Haraways Schriften über Multispezies-Koevolution, zusammengestellt und präsentiert von Tue Greenfort (geb. 1973), zum Zwecke der Untersuchung und Verbindungsstiftung von Multispezies-Beziehungen. Neben vielen Texten und Büchern waren ebenfalls eine Vielzahl von Videos sowie Dokumentation von Kunstwerken und Projekten zu sehen. So wurde das Panorama an Kontemplationsmöglichkeiten in dieser selbst gebaut anmutenden Hütte im märchenhaft entrückten Weiher, die mit beruhigender Einsamkeit für sich warb und Freiräume für Reflexion versprach, exzellent erweitert.

Heute besteht nach wie vor die Möglichkeit, die eigene Neugier, was die Erforschung unserer Multispezies-Beziehungen angeht, zu stillen. Dafür muss nicht mehr der Weg zur verborgenen Schwanenhütte gefunden werden, es reicht ein Besuch in der Bibliothek des documenta archivs zu den regulären Öffnungszeiten. Im Bestand der Bibliothek befinden sich neben vielem, vielem Anderen alle Publikationen, die 2012 für 100 Tage im “Worldly House“ zu finden waren.


Michael Gärtner