Ein selbstfahrendes Auto auf der documenta 6

 

Eine Ausstellung mit Design-Zeichnungen und zugleich eine Automobil-Schau - das gab es auf der "documenta 6". Als Beispiele utopischen Designs waren Automobil-Entwürfe aus der Industrie und Künstlerentwürfe zu sehen, wobei "utopisch" hier nicht reine Phantasie-Fahrzeuge meinte. Utopisches Design wurde vielmehr als eine tatsächliche Möglichkeit, als ein spekulativer, aber realisierbarer Entwurf definiert.

Nicht zufällig war hier das Automobil von besonderem Interesse, denn kaum ein anderes Objekt war so alltäglich und allgegenwärtig und zugleich Gradmesser des technischen Entwicklungsstandes. Obgleich Formfragen den zentralen Aspekt der Ausstellung bildeten, eröffnete der konkrete Gegenwartsbezug der utopischen Entwürfe Raum für weitreichende Auseinandersetzungen mit dem Automobil an sich.

So finden sich unter den Entwürfen optimistische, den technischen Fortschritt umarmende Vorstellungen der Mobilität der Zukunft, wie die von Syd Mead, genau wie verstörende und zutiefst dystopisch anmutende Formen der Auseinandersetzung mit dem Automobil. Ein Beispiel dafür sind die "Kabinenmobile" von Joachim Bandau. Vom Künstler selbst wurden sie als "bewußt anti-ästhetisch", als "enganliegende Blechpanzer" beschrieben. Die 1973 entstandenen Modelle aus verzinktem Stahlblech waren tatsächlich fahrbar, jeweils entweder stehend, sitzend oder kniend. Der "Fahrer" bestieg das Auto durch eine Einstiegsluke und musste dort, eng festgeschnallt, in der durch die Form des Fahrzeugs vorbestimmten Zwangshaltung verharren. Wurde die Eintrittsluke geschlossen, setzte sich das Auto, betrieben durch einen Elektromotor, in Bewegung. Das Fahrzeug war nicht durch den Fahrer lenkbar - kam es in Kontakt mit einem Hindernis, änderte es seine Richtung. Was als bewusst überzeichneter Entwurf die Absurdität der Zweckrationalität aufzeigt, war auch als ein kritischer Kommentar zum Mensch-Maschine-Verhältnis zu verstehen.

Beide oben genannten Positionen bestimmen im Kern auch den aktuellen Diskurs über selbstfahrende Autos. Dem durch die enormen Fortschritte der digitalen Technologie möglich gewordenen Gewinn an Sicherheit, etwa durch Assistenzsysteme, steht auf der anderen Seite ein tiefes Unbehagen bis hin zur Angst vor der "Herrschaft" der Technik und dem drohenden Verlust der Autonomie gegenüber. Unabhängig welche Sichtweise man bevorzugt - unzweifelhaft dürfte wohl sein, dass das Auto nicht lediglich als Transportmittel zu betrachten ist.

In der Mediensammlung finden sich eine Vielzahl von Ausstellungsansichten, die die Serie der Fahrzeuge aus der Abteilung "Utopisches Design", im Rahmen der Zeichnungsausstellung, in der Orangerie zeigen. Im Medien-Cluster können Sie Digitalisate ausgewählter Dias und Papierabzüge unter den Suchbegriffen "Joachim Bandau", "Don Potts", "Panamerenko", „Syd Mead“, "Hans Hollein" oder "Gianni Piacentino" anschauen.

 

Alexander Zeisberg