Der Fotograf Hans Braun (geb. 1952) hat im Jahr der documenta 7 (d7) einen Schnappschuss gelandet. Auf eine im öffentlichen Raum installierte künstlerische Arbeit des US-amerikanischen Künstlers Donald Judd (1928-1994) wurde ein Schriftzug aufgetragen. Ein Passant, möglicherweise Besucher der d7 läuft im rechten Bildrand, den Blick auf die Schriftzeichen gerichtet. Er trägt eine blaue Jeanshose und ein lachsfarbenes Hemd. Das Blau und die Lachsfarbe spielen vortrefflich mit der direkten Umgebung sowie Landschaft und Himmel dahinter. Die farbenfrohe Kleidung sorgt für einen Kontrast zur minimalistischen Struktur der Plastik.

Donald Judd verwendete für seine künstlerischen Arbeiten meist reduzierte, geometrische Grundformen aus industriellen Werkstoffen. Die besondere Ästhetik steckt in deren Kargheit. Die künstlerische Arbeit soll als ein Werk gesehen, als Ganzes verstanden werden und weniger als Addition einzelner Blickpunkte. Exaktheit, Einfachheit und Sachlichkeit scheinen wichtig, ebenso Substanz, Raum, Farbgebung, Volumen und Licht als Aspekte des täglichen Lebens.

Der Niederländer Rudi Fuchs (geb. 1942), künstlerischer Leiter der documenta 7, verfolgte das Ansinnen mit seiner Ausstellung, zeitgenössischer Kunst eine würdevolle Anmutung zu verleihen. Kunst habe nicht gesellschaftspolitische Verantwortung, sie bestehe vor allem in ästhetischer Autonomie. Kunst solle nicht als Medium für soziale Veränderungen weder im Kunstsystem noch im „richtigen Leben“ angesehen werden.

Nun tauchte eine listige Spray-Akteur/in auf und begegnete diesem noblen Anliegen offensiv. Ihre Aktion bricht mit der „heiligen Autonomie“ des Kunstwerkes und reichert das Ganze an um eine Komponente des Widerstandes, der Aufsässigkeit und entheiligenden Transformation. Die spontane Aktion öffnet einen Diskurs.

Der Protest-Schriftzug auf der Plastik von Donald Judd auf der Karlswiese im Auepark ließ beides, Plastik wie auch die auf ihr befindlichen Lettern zu sprechender Streetart werden. Das Vorhaben des künstlerischen Leiters der d7 wurde jäh angegriffen. Die Mutation zum feministischen Pamphlet geschieht, eine Parole ist zu vernehmen: „Künstlerinnen an die Macht! Gebt Joseph Beuys eine Auszeit“, ruft die Aktionist/in hinter dem Tagging-Anschlag. Kunst entartet, Kunst wird erobert, Kunst wird angeeignet. Kunst wird benutzt und gar zur Plattform erweitert. Oder einfach auch nur zur billigen Pinnwand eines sexistisch gemeinten, heterozentristischen Ausspruchs. Die Deutungshoheit bleibt den Betrachtenden überlassen.

Dieses und andere Paradebeispiele „überarbeiteter“ Kunst können in der Mediensammlung des documenta archivs nach Terminvereinbarung eingesehen werden. Oder sie sind auch nur einen oder zwei, drei Klicks entfernt über den Mediencluster der Webseite des documenta archivs erreichbar.

 

Michael Gärtner