Mit der Schriftspur „DUFTMARKEN CASSEL – PARIS DEMNIG 80“ verlegte der Künstler Gunter Demnig (geb. 1947) 1980 seine Duftspur von der Kasseler Kunsthochschule bis zum Centre Pompidou in Paris. Seine „mobile Plastik“ bestand aus diesem Text im Endlosdruck, dass mit Hilfe eines Spruchband-Druckgerätes auf das Straßenpflaster aufgetragen wurde. Er marschierte im Protest gegen den blinden Rekordrummel im Kunstbetrieb in 21 Tagen zu Fuß 818 km. Im „Der Spiegel“, der diese Aktion am 15. September 1980 im Heft 38 kommentiert, konnte man lesen: „Voraussichtlicher Materialverschleiß: 3 Paar Schuhe und 1,5 Tonnen Farbe“. Am 4. Oktober 1980 wurde Demnig von der französischen Gendarmerie festgenommen, durfte aber nach längeren Vernehmungen fortfahren. Die Spur wurde als längstes Kunstwerk der Welt in das Guiness-Buch der Rekorde aufgenommen. Die Apparatur,­ das Spruchband-Druckgerät,­ befindet sich heute in der Sammlung des Centre Pompidou.

Als „Spurenleger“ wurde Demnig auch in darauffolgenden Projekten bekannt. 1981 mit der „Blutspur“, die er von der Kasseler Kunsthochschule zur Londoner Tate Gallery unter Verwendung seines eigenen Blutes verlegte. 1982, indem er querfeldein über 1000 km einen „Ariadne-Faden“ von Kassel nach Venedig zog und auch mit den „Stolpersteinen“, die die Spuren der Erinnerung an die im Nationalsozialismus ermordete jüdische Bevölkerung in ganz Europa bis heute sichtbar machen.

Unter dem Titel „Gunter Demnig: Spuren“ ist in den frühen 1980er Jahren eine von Demnig selbst gestalteten Publikation erschienen, die seine frühen Spurenprojekte dokumentiert und sich heute in der Bibliothek des documenta archivs befindet. Diese und andere von Demnig gestalteten und vom Atelier Kramer an der Kasseler Kunsthochschule herausgegebenen Publikationen sind Teil des Nachlasses des Kunstkritikers Alfred Nemeczek (1933-2016), der sich auch im documenta archiv befindet. In den frühen 1980er Jahren war Demnig wissenschaftlicher Mitarbeiter Harry Kramers (1925-1997) und arbeitete sehr eng mit dessen Student/innen zusammen. Kramer sagte über die Kunst Demnigs 1980: „Diese Kunst kümmert sich zunächst um die Rezeption des eigenen Tuns. Sie stellt Fragen, ohne polierte Antworten mitzuliefern, zieht ein Netz über die Landkarten, um im Selbstversuch zu testen, ob es tragfähig ist.“

Anja Ziegler