Dirk Bleicker hat während der documenta 9 (1992) diese gleichermaßen rätselhaft wie bedrohlich wirkende Aufnahme von Matthew Barneys (geb. 1967) Arbeit OTTOshaft an einem wahrhaftigen „Unort“ Kassels angefertigt. In Barneys Arbeit treffen Video, Performance und Skulptur in kraftvoller Erzählung aufeinander. Häufig referiert er in einem derartigen Ineinandergreifen der Kunstformen auf verschiedene kulturelle Phänomene, von sportlichen Tätigkeiten wie American Football, Klettern und Bodybuilding bis hin zu Momenten des Rollenspiels und der Maskerade im Zusammenhang mit Prothetik oder Modellbau. Der beständige Verweis auf Prozesse des Körpers, der in vielen Darstellungen Barneys harte, körperliche Arbeit verrichtet und bis an die Grenzen der Überbelastung getrieben wird, wird zum Gegenstück der heraufbeschworenen Phantasmen seiner ineinander verschlungenen Erzählstränge.

 

Die Arbeit OTTOshaft ist ein Teil der Trilogie Jim Otto Suite. OTTOshaft besteht aus einer Vielzahl von organischen Materialien – teils Lebensmitteln – und Kunststoffobjekten sowie drei Videos, die kontinuierlich auf überkopf angebrachten Fernsehgeräten ausgestrahlt werden. Es werden abgründige, manchmal ungestüme Handlungen gezeigt. Alle Akteur/innen und Handlungen füllen das „Gefäß“ Jim Otto, die zentrale Figur in OTTOshaft. Jim Otto als reale Person ist ein ehemaliger American Football-Spieler der 70er Jahre. In den Videos wird er gespielt und erfährt so Zuweisungen unter anderem von Barney selbst, AI Davis sowie Jayne Mansfield und Harry Houdini. All diese verflochtenen Facetten innerhalb der konstruierten Figur Jim Otto wie auch die ausgestellten Requisiten schaffen eine Video-/Installation von bizarrer, energiegeladener Anmut, aber auch verwirrendem, fetischbehaftetem Schauder. OTTOshaft wurde während der documenta 9 unter den kurvenreichen Ein- und Ausfahrten der Tiefgarage des Kasseler Friedrichsplatz ausgestellt.

 

OTTOshaft, wie auch andere Arbeiten Barneys, versucht physische, menschenkörperimmanente Grenzen auszuloten, um diese närrisch grotesk zu übergehen, auf der Suche nach einer Energie des Wachstums oder der Rückbesinnung auf Zustände pränataler Potentialität. Glieder in dieser Kette an Verweisen werden ebenfalls übernatürliche Phänomene, die menschliche Gestalt annehmen, oder in Wesen mit mechanischen Eigenschaften verwandeln. Mutant/innen, Metamenschen, Replikant/innen oder auch einfach nur die klassischen Scherenhände werden aufgerufen. So bereichert Barneys Netz aus Metaphern unseren stets wachsenden, kollektiven Bildschatz und lässt uns einen extremen Blick auf das werfen, was künstlerische Praxis bedeuten kann.

 

Aufschlussreiches Material zu Matthew Barney und seiner Arbeit kann sowohl in der Bibliothek wie auch der Mediensammlung des documenta archivs eingesehen und erforscht werden. Ein Besuch im Lesesaal des documenta archivs ist ein willkommener Anfang jedes Recherchevorhabens in diesem Feld.

 

Michael Gärtner