Kürzlich wurden dem Aktenarchiv fünf Tagebücher zur documenta 9, 11 und 12 übergeben. Klaus Röhring (*1941), langjähriger Oberlandeskirchenrat der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und nun im Ruhestand, nutzte die verschiedenen documenta Ausstellungen auch als Inspirationsquelle für seine Predigten. Seine Erfahrungen und Eindrücke hielt er in den „Tagebüchern für 100 Tage“ fest. Angereichert durch Ausschnitte aus den Ausstellungkatalogen oder aus anderen Publikationen, wie z.B. Lexika, schilderte Röhring seine Ideen und Assoziationen.

 

Exemplarisch wird hier das Tagebuch zur d12 näher betrachtet. Der Kunstliebhaber Klaus Röhring lässt es mit einem Novalis-Zitat beginnen: "Wir suchen überall das Unbedingte, und finden immer nur Dinge." Er selbst findet gleich zu Beginn des Tagebuches vier Schlüssel und Ansätze, wie die Ausstellung zu lesen ist.  

 

1. Der Spiegel (Museum Fridericianum): Dies bezieht Klaus Röhring auf die künstlerische Arbeit „Untitled“ (2007) von John McCracken und liest daraus die Aufforderung sich zu spiegeln.

2. Der Teppich (documenta-Halle): Hier steht der „Gartenteppich“ (um 1800) eines anonymen Künstlers im Mittelpunkt und fordert dazu auf, sich zu verknüpfen.

3. Die Asche (Neue Galerie): Die künstlerische Arbeit „Collateral“ (2007) von Sheela Gowda assoziiert er mit dem Aufruf, sich zu erinnern.

4. Der Mensch (Aue-Pavillon): Die künstlerische Arbeit „Goethe“ (1976/2007) von Andrei Monastyrski regt bei Röhring an, sich zu verändern oder den Knopf zu drücken, also sich zu beteiligen.

 

Klaus Röhring stellte in seinem Tagebuch die Verknüpfung des Gartenteppichs mit einem Lexikon-Beitrag zum Paradies, einem Auszug aus Klemens von Alexandriens (150 – 215) Ausführungen zu Gartenteppichen und einem Gedicht der deutschen Dichterin Agnes Miegel (1879-1964) her. All dies klebte er in Kopien ein und notierte selbst dazu folgendes: „Teppiche sind transportable, immer begehbare Orte. Im Winter holen sie den Garten ins Innere des Hauses. Wiedergabe des inneren Herrschergartens aus der Vogelperspektive gesehen; symmetrische Anordnung der Flächen, gegliedert durch ein Bewässerungssystem. Quadrat, Rechteck, Rauten. Der Teppich hat 5 Zentren. Der Gartenteppich als Paradies-Metapher: imago mundi“ Der Gartenteppich steht für ihn für die kuratorische Methode, für eine Lesart der d12.

 

Im Vorwort zum documenta 12 Katalog weisen Roger M. Buergel und Ruth Noack auf die Formlosigkeit der documenta hin: „Interessant wird eine Ausstellung aber erst dann, wenn man sich von diesen Krücken des Vorverständnisses befreit und auf eine Ebene gelangt, auf der die Kunst ihre eigenen Netze zu spinnen beginnt.“

 

In diesem Sinne bereichert Röhring durch seine religionsphilosophisch geprägten Interpretationsansätze die Deutung der documenta 12. Er spinnt Netze, die in seinen Tagebüchern im Aktenarchiv nach Voranmeldung nachvollziehbar sind.

 

Berlind Schneider