Im Jahr 1961 war Joseph Beuys (1921-1986) als Professor an die Kunstakademie Düsseldorf berufen worden. Es waren auch seine dort gemachten Erfahrungen, die ihn für eine größere Unabhängigkeit und eine Öffnung letztendlich des gesamten Bildungssystems eintreten ließen. Dadurch sollte es mehr Menschen ermöglicht werden, fern staatlicher Bevormundung ihr kreatives Potential zu entfalten. Um für dieses Ziel eine Öffentlichkeits- und Werbeplattform zu etablieren, gründete er 1973 die „Freie Internationale Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung“, kurz „Free International University“ (FIU).

 

Die FIU hatte auf der documenta 6, 1977, in der Rotunde des Museums Fridericianum einen eigenen Raum als offenes Forum für Diskussionen, Workshops, Vorträge und diverse künstlerische Beiträge eingerichtet. Themen waren beispielsweise „Medien und Manipulation“, „Arbeit und Arbeitslosigkeit“, „Atomkraft und alternative Energieformen“ oder „Soziale Weltprobleme“. Zu den Beitragenden gehörten Wissenschaftler/innen, Künstler/innen, Autor/innen und Bürgerinitiativen aus dem In- und Ausland.

 

Das Achberger Institut für Sozialforschung war mit dem einwöchigen „V. Achberger Jahreskongreß“ einer der Veranstalter der FIU auf der documenta 6. Das 1973 gegründete Institut war Teil des „Internationalen Kulturzentrums Achberg“ (INKA) am Bodensee, das Anfang der 1970er Jahre aus der anthroposophischen Bewegung entstanden war. Beuys, der stark von der Anthroposophie beeinflusst war, war Kuratoriumsmitglied des Instituts.

 

Auf der Vorderseite der Infobroschüre – documenta war hier versehentlich mit „k“ statt mit „c“ geschrieben worden! – ist als Titel der Veranstaltung „Die Kontroverse um die Menschenrechte. Stehen wir vor der Notwendigkeit einer Systemveränderung in Ost und West?“ angeführt. Weiter hinten in der Broschüre wurde dann ein „Dritter Weg als Alternative zu Kapitalismus und staatsbürokratischem Kommunismus“ als ein zentrales Thema des Kongresses genannt. Unter dem „Dritten Weg“ verstanden die Initiatoren des INKA, so heißt es, eine „Humanisierung des sozialen Lebens auf allen Gebieten des Staates, der Wirtschaft und der Kultur“ und „eine am Menschen orientierte gesellschaftliche Ordnungsstruktur“. In der Programmübersicht wurden für jeden Tag verschiedene Arbeitsgruppen, mehrere Hearings durch „Vertreter von Bürgerrechtsbewegungen“, Podiumsdiskussionen, Vorträge und (fakultativ) ein Liederabend angekündigt.

(s. auch: Im documenta archiv #2)

 

Martin Groh