In einem Brief bat der Maler Rupprecht Geiger (1908-2009) den Kunsthistoriker Werner Haftmann (1912-1999), seine Arbeiten für die documenta III zu berücksichtigen. Ihm war zu Ohren gekommen, dass „diesmal“ die Absicht bestehe, Künstler zu beauftragen, neue Werke für Kassel zu schaffen. Tatsächlich wandte sich der Ausstellungsleiter Arnold Bode (1900-1977) für die im Jahre 1964 stattfindende documenta erstmals an ausgewählte Künstler mit der Bitte, künstlerische Arbeiten explizit für den Ort zu entwickeln. Bode bezeichnete diese Abteilung in seiner Konzeptionsphase „Musée-Pilote“ – später "Bild und Skulptur im Raum" – und sprach dabei Künstler wie Sam Francis (1923-1994), Emilio Vedova (1919-2006) oder Ernst Wilhelm Nay (1902-1968) an.

Während jedoch ein Maler wie Nay regelrecht überredet werden musste, eine Arbeit für den Ort zu konzeptionieren, bot Geiger in seinem Brief bereitwillig an, sich auf diese neuartige Vorgehensweise einzulassen. Er witterte die Gelegenheit, endlich – wie er schrieb – das „für [ihn] so wichtige ganz große Format zu verwirklichen“. In seinem Brief machte er Haftmann auf zwei zuvor fertiggestellte, großdimensionierte Tafeln aufmerksam, die er für die Mensa der Münchner Technischen Hochschule gemalt hatte. Während die Praxis der „Kunst am Bau“ seit der Weimarer Republik eingeführt war, war diese Vorgehensweise für die documenta neu. Die ersten beiden Ausstellungen 1955 und 1959 hatten ausschließlich Leihgaben bereits bestehender Arbeiten gezeigt.

Haftmann leitete am 14.10.1963 den Bittbrief Geigers an Bode weiter, da – wie er schrieb – schon Einverständnis bestand, dass dieser in das „Musée-Pilote“ integriert werden sollte. Am gleichen Tag antwortete er Geiger, dass sie tatsächlich „Künstler anregen möchten, für bestimmte räumliche Situationen und am Ort etwas zu machen“, dass dies aber keine regelrechten Aufträge seien, da die finanzielle Situation das nicht zulasse. Er schlug ihm vor, sich für das weitere Vorgehen direkt an Bode zu wenden.

Geiger, der auf der ersten documenta nicht vertreten war, hatte bereits auf der zweiten documenta zwei seiner abstrakten Gemälde ausgestellt. Auf der dritten documenta 1964 zeigte er – neben einem kleineren Werk aus dem Jahre 1961 – schließlich das in leuchtenden Orange-, Rot- und Magentatönen gehaltene Gemälde „Goulimime“, das beachtliche 4 x 2,5 Meter aufwies. Es war eigens für die documenta entstanden und ist heute in der Neuen Galerie Kassel zu sehen.

 

Birgit Jooss