Die documenta 12 ermöglichte die Auseinandersetzung zeitgenössischer Kunst mit musealen Bildern, beispielsweise in der Gemäldegalerie Alte Meister des Schlosses Wilhelmshöhe. Wie sehr es dabei um Provokation oder inhaltliche Annäherung ging durften die Besucher/innen eruieren. Dabei ergaben sich außergewöhnlich gelungene Konfrontationen.

Beim Betreten des Rembrandt-Saales wurden die d12 Besucher/innen dadurch überrascht, dass zwischen den Gemälden des 17. Jahrhunderts mit ihren gedämpften Erdfarbtönen eine großformatige schwarz-weiße Fotomontage installiert war. Das Bild der polnischen Künstlerin Zofia Kulik (geb. 1947) zeigt sie selbst. Ihre Erscheinung ist überladen durch die opulent ausgeschmückte Gewandung - ähnlich den Gemälden der jungfräulichen Königin von England Elisabeth I. (1533-1603). In vielen ihrer Analogfotomontagen setzt Kulik ihr eigenes Portrait ein. Was als akkurat geschmackvolle Spitzen-Ornamente drapiert scheint, stellt sich bei genauerem Betrachten als eine Abfolge männlicher Akte heraus: Der Mann verziert die Bekleidung der Frau, eine Parodie auf das klassische Herrscherinnenbild.

Die aus kleinen Fotoelementen zusammengesetzte Ornamentik in Kuliks Bildern verhandelt das Verhältnis von Mann und Frau, Individuum und Masse. In vielen ihrer Arbeiten beschäftigt Kulik sich mit der visuellen Erfahrung des Totalitarismus, indem sie Manifestationen politischer Gesten und Symbole sammelt und einwebt. Ihre Praxis, das Weben von Bildern, erinnert an Orientteppiche. Die Muster, die diese fotografischen Teppiche ergeben, rufen Formen von Kalligraphie wach, in der die Verschiedenheit zwischen Text und Ornament aufgelöst scheint - genau wie in der Kunst von Kulik verwischen die Scheidelinien zwischen Diskursivität und Dekorativität, Brauchtum und Gegenwärtigem, Abstraktion und Narrativität, Rhythmus und verwendeter Chiffre.

"In gewissem Sinne ist es einfach, banal und kitschig", sagte Kulik 1998. "Die Subtilität dieser Arbeit beruht auf ihrer Komplexität. Ich fühle, dass ein großer Wert meiner Arbeit der Tatsache geschuldet ist, dass ich eine talentierte Organisatorin von zusammengesetzten visuellen Strukturen bin. Im Gegenzug sind alle Details einfach, wie in einem gemeinsamen Lied über Liebe und Tod. Meine ganze Arbeit basiert auf der Tatsache, dass ich ständig die Bilder dieser Welt sammle und archiviere. Die Komplexität dieser Arbeit kommt aus dem Reichtum des Archivs, das ich besitze."

 

Michael Gärtner